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„Zu spät, auf Nummer Sicher zu gehen“

Von: Pressestelle des Bistums Hildesheim
31 October 2011 19:22
Kategorie: Allgemein, Bistum

Ehemaliger Landesrabbiner Henry G. Brandt erhält Edith-Stein-Preis

Henry G. Brandt

Göttingen (kpg) – Der ehemalige niedersächsische Landesrabbiner Henry G. Brandt ist im Alten Rathaus von Göttingen mit dem Edith-Stein-Preis geehrt worden. Er ist der erste Vertreter jüdischen Glaubens, der die Auszeichnung bekommt.

In einer Sache waren sich alle Anwesenden einig: Es sei keinesfalls selbstverständlich, dass Brandt diesen Preis annehme. Das betonten Göttingens Bürgermeister Wilhelm Gerhardy und Dr. Monika Pankoke-Schenk, die Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Edith-Stein-Gesellschaft, in ihren Grußworten sowie der Aachener Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff in seiner Laudatio auf den Preisträger. Schließlich sei die Jüdin Edith Stein nach einer Phase der gänzlichen Abkehr von aller Religion zum Katholizismus konvertiert. Der Preisträger selbst konterte charmant: „Der sicherste Weg wäre gewesen, dankend abzulehnen. Aber in meinem Alter ist es zu spät, auf Nummer Sicher zu gehen“, so der 84-Jährige, der mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern zur Verleihung angereist war.

Tatsächlich habe er zunächst Zweifel gehabt, den Preis anzunehmen, da die Person Edith Stein im Judentum nicht unumstritten sei. So könne er ihren Weg zum Katholizismus nicht absegnen, aber er könne ihn respektieren. „Denn wer kann sich schon wirklich in das Herz einer anderen versetzen?“ Den Preis anzunehmen, sei für ihn darüber hinaus nicht zuletzt „eine Chance der Geschwisterlichkeit“ gewesen.

Für eben dieses Bemühen um Verständigung zwischen Judentum und Christentum wurde Brandt geehrt. Als Landesrabbiner in Niedersachsen (1983 bis 1995) habe er dazu beigetragen, dass die Jüdische Gemeinde in Göttingen neu gegründet werden konnte. Auch in schwierigen Zeiten – etwa bei der Debatte um die Neufassung der Karfreitagsfürbitte 2008 – habe er den Gesprächsfaden zur katholischen Kirche nicht abreißen lassen, so das Kuratorium des Edith-Stein-Kreises. Andere Vertreter jüdischen Glaubens hatten aus diesem Grund eine Teilnahme am Katholikentag in Osnabrück abgelehnt. Brandt hielt dagegen: „Gerade jetzt darf das Gespräch nicht abgebrochen werden.“

Diese „ausgeprägte Gesprächsbereitschaft“ lobte auch Laudator Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff, Vorsitzender der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum der Deutschen Bischofskonferenz. Dass sich das christlich-jüdische Verhältnis seit dem Zweiten Weltkrieg „dramatisch verbessert“ habe, sei vor allem den Menschen zu verdanken, die trotz der Erfahrung der Shoah aufeinander zugegangen seien, so Mussinghoff. „Das erfüllt uns Christen noch heute mit großer Dankbarkeit. Und in diesen Dank schließe ich Sie mit ein“, so der Bischof, der den Preisträger am Ende seiner Laudatio auch auf Hebräisch würdigte: „Gesegnet sei Gott, dass er uns Henry Brandt gegeben hat.“ 
Henry G. Brandt wurde 1927 in München geboren. 1939 floh er mit seiner Familie nach Palästina. Nach dem Militärdienst in Israel studierte er zunächst Wirtschaftswissenschaften in Belfast. Nach Tätigkeiten als Marktanalytiker begann er im Alter von 30 Jahren ein Studium am Leo-Baeck-College in London. 1961 erwarb er das Rabbinerdiplom und leitete Gemeinden in Leeds, Genf, Zürich und Göteborg. Von 1983 bis 1995 war er Landesrabbiner in Niedersachsen, von 1995 bis 2005 Landesrabbiner von Westfalen-Lippe. Brandt ist seit 1985 jüdischer Vorsitzender des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Außerdem ist er Mitglied im Gesprächskreis „Christen und Juden“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken.
Der Edith-Stein-Preis wird alle zwei Jahre in Göttingen verliehen. Die Auszeichnung besteht aus einer Medaille mit der Inschrift „Unsere Menschenliebe ist das Maß unserer Gottesliebe“ sowie einem Preisgeld von 5000 Euro. Mit dem Preis ehrt der Edith-Stein-Kreis Personen und Institutionen, die sich durch Grenzüberschreitungen in ihrem sozialen, politischen und gesellschaftlichen Engagement bewährt haben. Zu den bisherigen Preisträgern gehören das Maximilian-Kolbe-Werk, die Bruno-Hussar-Stiftung, Schwester Karoline Mayer, der Hildesheimer Altbischof Dr. Josef Homeyer und der ehemalige Göttinger Dechant Prof. Dr. Joop Bergsma. Die mittlerweile Verstorbenen Homeyer und Bergsma ehrten die Anwesenden in einer Gedenkminute.

Weitere Fotos und Redemanuskripte finden Sie auf der Internetseite: http://www.edith-stein-kreis.de