Ein Blick in "die Welt"

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Die Gemeinden in Deutschland geben ihre Kirchen auf. Gotteshäuser werden zu Kitas, Fitnesscentern oder Sparkassen. Aber ist der Trend zur Umnutzung wirklich eine Strategie – oder eine Selbstlüge?

Von Dankwart Guratzsch // 23. Juli 2013

Der erste Ortstermin in Lindenhorst am Rand von Dortmund: Einfamilienhäuser. Kleine Mehrfamilienhäuser. Gute Erholungs- und Freiräume. Kaiser Barbarossa regierte noch im Heiligen Reich, da wurde hier schon eine Kapelle gebaut. Kriege und Fehden verwüsteten den Flecken, aber der viergeschossige Westturm trotzte. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges wurde ein neues Langhaus gebaut, jetzt ist es überflüssig.

"Wir haben bei der Landeskirche die Entwidmung beantragt", sagt Pfarrer Friedrich Reiffen. Am Samstag vor Volkstrauertag soll Auskehr sein. Dann übernimmt ein Bauträger, der ein Altenheim mit 80 Plätzen baut, das Grundstück.

"Den Turm muss er sanieren. Aber der sieht dann natürlich anders aus." In das Kirchenschiff kommen ein Café und eine Begegnungsstätte rein. Die evangelische Kirchengemeinde hat ihren Schwerpunkt in die hundertjährige Segenskirche verlegt. Seitdem ist die alte Dorfkirche St. Johannes der Täufer ohne rechte Funktion. Pfarrer Reiffen gibt die Schuld "einem Veränderungsprozess. Die Ansässigen ziehen weg. Die Neuen haben einen anderen Glauben." Zum christlichen Einschulungsgottesdienst 2013 meldeten sich nur noch zwölf von 40 Kindern.

Warum die Kirche sich aus der Fläche zurückzieht

Ein Beispiel, das von einem epochalen Umbruch zeugt: Die Kirche, die einmal Träger der Zivilisation, der Kultur und der gesellschaftlichen Entfaltung war, zieht sich aus der Fläche zurück. Dass es sich nicht nur um Standorte handelt, an denen sie erst bei der Großstadtwerdung im 19. Jahrhundert Fuß gefasst hat, belegt gerade dieser Fall: Geräumt werden jahrhundertealte Positionen, Orte, an denen einmal die Christianisierung des Landes begann, Knotenpunkte abendländischer Kultur.

Seit 2000 nimmt diese Entwicklung Tempo auf. Denn immer mehr Pfarreien beantragen selbst die Umnutzung, Schließung oder gar den Abriss ihrer Kirche. Als 2008 die große gründerzeitliche Heiligengeistkirche in Hamburg-Barmbek fiel, um 65 Neubauwohnungen Platz zu machen, titelte die Regionalausgabe der "Welt" noch: "Erstmals seit Jahrhunderten fällt eine Kirche." Andere erinnerte das Beispiel an die Kirchenabrisse in der untergegangenen DDR.

"Von dem Verlust, der die deutsche Kulturlandschaft bedroht, hat sich die Öffentlichkeit noch keine Vorstellung gemacht. Ein Bildersturm fegt über das Land", warnt der für alarmistische Anwandlungen unverdächtige Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt.

"Was wird aus dem Christentum?"

Inzwischen sind die Kirchenabrisse nicht mehr zu zählen. Von 700 Gotteshäusern, deren Bedeutung und Verwendung sich in den nächsten zehn Jahren ändern werde, geht die Deutsche Bischofskonferenz allein für die katholische Kirche aus. "Was wird aus dem Christentum?", fragt Vision 2020, eine Initiative der Kirchenvolksbewegung.

Die Kirchenleitungen erklären die Entwicklung mit dem Schrumpfen der Gemeinden, der Bevölkerung, der Glaubensüberzeugungen. Aber die Zahlen, mit denen sie es unterlegen, sind wenig überzeugend. Bei der Pfarrgründung von St. Mariae Empfängnis in Neersen 1798 zählte die Gemeinde 1200 Katholiken. Die waren glaubensstark genug, die alte Klosterkirche der Minoriten in eigener Regie zu übernehmen und fortzuführen. Heute zählt die Gemeinde 3500 Mitglieder – und muss nach Nutzungen suchen, um ihrem Kirchengebäude einen Sinn zu verleihen.

Sind die Kirchen wirklich für heutige Gemeinden "zu groß"? Der Münchner katholische Theologe Ludwig Mödl widerspricht vehement, "wurden doch viele der mittelalterlichen Klosterkirchen nicht deswegen so groß gebaut, weil sie viele Leute aufnehmen sollten. Für oft nur 30 bis 50 Mönche wurden die riesigen Hallen errichtet, die bis zu 500 Personen fassen könnten. Die Dimensionen und der Hall und die Raumqualität sollten Hinweis auf das Große sein, dem man zu begegnen hoffte."

Die Angst der Priester vor zu großen Räumen

Was sich heute vieler Kirchenleitungen bemächtigt hat, ist weniger die Furcht, Handwerkerrechnungen nicht mehr bezahlen zu können, als eine Art religiöse Platzangst, eine Gemütsverfassung, die die wissenschaftliche Psychologie als Angststörung definiert. Platzangst, medizinisch Agoraphobie, äußert sich in Panikattacken, wie sie Menschen befallen können, die genötigt sind, allein über weite Plätze zu gehen.

Weite Räume, riesige Kirchenschiffe konfrontieren eine in ihren religiösen Grundfesten verunsicherte Pfarrer- und Priestergeneration mit der unendlichen, unauslotbaren Tiefe der Spiritualität. Einer solchen Erfahrung will ein rationales kirchliches Management seine Angestellten offenbar nicht mehr ausgesetzt sehen.

Auch das Argument der schrumpfenden kirchlichen Finanzen muss hergeholt erscheinen. Wie sonst hätte es geschehen können, dass die Spandauer Lutherkirche schon in den 80er-Jahren in ein Wohnhaus umgebaut wurde, was nur um den Preis zu haben war, dass die teuersten Sozialwohnungen Berlins entstanden, das Stück zu 227.000 Euro (Anfangskalkulation)?

Wie sonst hätte dieses "Pilotprojekt" so verführerisch wirken können, dass es bis heute zahllose Male nachgeahmt wurde? Und wie sonst könnte nun auch Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck auf die Idee kommen, die prachtvolle St.-Antonius-Kirche in Bochum für zehn Millionen Euro zu einem Altersheim umzubauen und dabei für jeden der 84 Plätze 120.000 Euro auszugeben?

An den Finanzen allein liegt es nicht

Dass die Rechnung "Schrumpfende Gemeinden gleich schrumpfende Kirchenvermögen gleich Kirchenleerstand" so nicht stimmen kann, ist immer wieder vermutet und unlängst bewiesen worden. Der (kirchentreue, um das Wohl "seiner" Kirche besorgte) Unternehmensberater Thomas von Mitschke-Collande rechnet vor:

"In den letzten 20 Jahren hat sich die Kirchensteuer von 3,8 Milliarden Euro im Jahr 1991 auf knapp fünf Milliarden Euro 2011 gesteigert. Vergleicht man die heutige Situation mit 1960, so verfügt die katholische Kirche in realen Größen über ein Kirchensteueraufkommen, das etwa viermal so groß ist wie damals."

Der Ökonom hat ein flammendes Buch geschrieben: "Schafft sich die katholische Kirche ab?" Einband purpurrot. Titel und Klappentext in Kreuzform angeordnet. Seit einem Jahr macht die 250 Seiten starke Analyse, deren Titel sich natürlich nicht zufällig an Thilo von Sarrazins Deutschlandbuch anlehnt, unter Theologen beider Konfessionen Furore.

Denn der Autor hat früher für McKinsey gearbeitet, ein führendes Unternehmen für Rationalisierung von Unternehmens- und Arbeitsabläufen. Und von Rationalisierung, Straffung, Ökonomisierung des Kirchenbetriebs erhoffen sich die beiden christlichen Kirchen gigantische Effekte.

Aus 259 Seelsorge-Einheiten mach 43?

So hat Felix Genn, Ruhrbischof von 2003 bis 2009, aus 259 eigenständigen Gemeinden seines Bistums 43 Pfarreien gemacht. Reihenweise wurden Kirchen entweiht, umgenutzt und abgerissen oder zu "weiteren Kirchen" herabgestuft, die nur noch sporadisch gottesdienstlich betreut werden. Sein Nachfolger Franz-Josef Overbeck sieht diese "Schrumpfkur" noch längst nicht als ausreichend an. Im Ruhrgebiet werde es "zu noch ganz anderen territorialen Strukturen kommen, die noch viel größer sind als heute", verkündete der Bischof Anfang Juli in Mülheim.

Aber gerade dies könnte sich als Fehlentwicklung erweisen. Beide Kirchen haben sich in den nachkriegsjahrzehnten ja fast im Wortsinne Arme und Beine herausgerissen, nur um ihre Tätigkeit auf eine breitere Basis zu stellen. Kirchen wurden, zunächst durch den massenhaften Zubau von Gemeindehäusern, zu "Multifunktionszentren". Seit sich herausgestellt hat, dass der Eventbetrieb Geld kostet, werden die Gemeindehäuser abgestoßen und die Kirchengebäude selbst mit "Mehrfachnutzungen" vollgestopft.

Die Angebote reichen von Krabbelgruppen (St. Anna in Essen) bis zu "Powergymnastik. Training für Arme, Bauch, Beine und Po" (Christus König, Gladbeck), von "Empfängen oder Galas für insgesamt ca. 550 Teilnehmer" (Heilig-Kreuz-Kirche, Berlin-Kreuzberg) bis zu "Finest Food" (St. Bernardus, Oberhausen), von der Turnhalle (St. Maximin, Trier) bis zur Sparkasse (Leopoldsburger Kirche Milow/Brandenburg).

Für das "Image" von Kirche ist es völlig gleichgültig, ob es sich dabei um kircheneigene oder fremde Um- oder Mehrfachnutzungen handelt. Wenn Kirche nur noch so aussieht wie Kirche, aber immer öfter etwas anderes drin ist, kann das auf die Erkennbarkeit und Glaubwürdigkeit von Kirche nicht ohne Auswirkung bleiben.

Eigentlich müsste Kirche boomen

"Eigentlich müsste die Kirche boomen", wundert sich Thomas von Mitschke-Collande. "Wie der Zulauf zu Freikirchen und Evangelikalen, aber auch zu der Vielzahl von Sekten und Anbietern spiritueller Wellness oder östlicher Selbsterfahrungslehren zeigt, besteht in unserer Gesellschaft nach wie vor eine ungebrochene Nachfrage nach Spiritualität, Orientierung und Gemeinschaftserlebnissen angesichts der säkularisierten Welt."

Aber diese neue Spiritualität fühlt sich offensichtlich in den Kirchen nicht willkommen, sie findet hinter Krabbelgruppen, Computerkursen, Spielklubs und interkultureller Beratung gleichsam den Altar nicht mehr.

Im Rausch einer neuen Weltoffenheit, eines gesellschaftlichen Aktionismus, einer plakativen Hinwendung zu karitativen Werken, Jugend- und Altenarbeit, Frauenkreisen und Kinderbetreuung ist der Aufmerksamkeit entglitten, dass alle diese Kompensationen des Kernauftrags den Niedergang der Kirchen, den Rückgang der Gottesdienstbesuche nicht nur nicht aufgefangen, sondern vielleicht sogar befördert haben.

Mit der Absage an die Identität der Kirchengebäude ist auch die Bindung an Kirche zurückgegangen, mit der Profanierung von kirchlichem Handeln die Befähigung, Spiritualität darzustellen, sie zu leben und ihr Raum zu geben.

Die Gotik zeigte, wie's auch anders geht

Schon im 19. Jahrhundert hatten Pastoren beklagt, dass der Kirchenbesuch zu wünschen übrig lasse, allein, es wurden die entgegengesetzten Schlüsse daraus gezogen.

Nach einer Bestandsaufnahme von 1853 wurden in einer Gemeinde mit 40.000 Seelen nurmehr 20 Kirchgänger gezählt. Eine "Kommission zur Abhülfe kirchlicher Nothstände" schätzte, in ganz Berlin seien es gerade mal noch fünf Prozent.

Diesem Verlust an öffentlicher Geltung der Kirchen trat die Kirche nicht mit Rückzug, sondern mit einem beispiellosen Bauprogramm entgegen – exakt dem Gegenteil dessen, was Kirchen heute praktizieren. Mit ebenso großen wie großartigen Kirchenneubauten im Stile einer neuen Gotik positionierte und verankerte sich die Kirche im öffentlichen Bewusstsein der Industriegesellschaft als wichtig, zukunftsfähig und expansiv.

Ein halbes Jahrhundert später vermeldeten Chronisten, dass die nun noch viel zahlreicheren Kirchen "gut besucht" seien – freilich nur jene, "in denen Gottes Wort nach den Bekenntnissen der Väter verkündet wird", während "freisinnige Pastoren" vor leeren Bänken stünden.

Der Trend zu XXL-Gemeinden ist die falsche Strategie

Sind Kirchen heute noch Orte, an denen "Gottes Wort nach den Bekenntnissen der Väter" verkündet wird? Wohl eher immer seltener. Die Umnutzungseuphorie, die von den Kirchenleitungen selbst und nicht von den Laien forciert wird, äußert sich wie folgt: Es gibt eine fortlaufende Straffung und Zusammenlegung von Gemeinden. Das führt zu "XXL-Gemeinden", die dem älter werdenden Kirchenvolk immer längere Wege aufbürdet und regionale Bindungen auflöst.

Der exorbitante finanzielle Aufwand, mit dem "Pilotprojekte" für die "erweiterte Nutzung" von Kirchen (oftmals gegen erhebliche Widerstände aus den Gemeinden) durchgedrückt werden, die Deklassierung, die man aufgegebenen Gemeinden und den Mitgliedern "weiterer Kirchen" zuteilwerden lässt – all dies zeugt von ganz anderen Ambitionen:

Es soll ein neues Bild von Kirche erschaffen werden, das "zeitgemäß" ist und der Kirche ihre hohe weltliche Bedeutung zurückgibt. Die Erfahrungen, die man mit dieser Strategie macht, ähneln verblüffend jenen, die den "freisinnigen Pastoren" schon zu Kaiser Wilhelms Zeiten zuteilwurden.

In seinen jüngsten Äußerungen lässt sogar Ruhrbischof Overbeck eine neue Nachdenklichkeit erkennen. Die Kirchen "müssten die Möglichkeit erhalten, sich wieder den Aufgaben der Seelsorge und Verkündigung zu widmen", zitiert ihn die Katholische Nachrichtenagentur (KNA). Die Kirche der Zukunft werde sehr charismatisch sein, etwa nach Vorbild lateinamerikanischen Gemeindelebens. Für viele Kirchen kommt diese Einsicht zu spät. 

Das Beispiel Gelsenkirchen-Ückendorf

Die Türen von Heilig Kreuz in Gelsenkirchen-Ückendorf sind verschlossen. Die in dunkelrote Ziegel gehüllte Kirche mit dem breiten, gestuften Turm, der bekrönenden Christusskulptur und dem parabelförmigen Torbogen liegt da wie eine verlassene Burg. Kunsthistoriker erkennen in der Schöpfung des Architekten Josef Franke (1876–1944) ein Hauptwerk des deutschen Backsteinexpressionismus.

Betritt der Besucher das Langhaus mit den zarten Ausmalungen, dem geheimnisvoll belichteten Altarbereich und den hohen Parabelbögen, die den Kirchenraum wie ein gotisches Gewölbe überspannen, so geht er vor so viel schlichter, anrührender Symbolik fast von selbst in die Knie.

1997 hat die Bochumer Kunsthistorikerin Christel Darmstadt für die Erneuerung der Originalausmalung noch das Ehrendiplom der europäischen Denkmalschutzorganisation Europa Nostra erhalten. Zehn Jahre später wurde die kirchliche Heimstatt für 2800 Gemeindemitglieder vom Essener Bischof stillgelegt. Zum Schlussgottesdienst am 18. August 2007 kamen so viele, dass die Besucher bis auf die Straße standen. Viele ließen ihren Tränen freien Lauf. Seitdem schließt Fördervereinsmitglied Ferdinand Deuse den Andachtsraum von 1929 nur noch zweimal jährlich auf. Im Mai und im Advent heißt es dann: "Tür auf!" und "Licht an!" Die Besucher kommen aus ganz Deutschland.

Heilig Kreuz war einmal

Der engagierte Mann, der mit anderen seine Freizeit opfert, "damit die Kirche nicht verfällt", hat sich die Argumentation der Kirchenoberen zu eigen gemacht.

"Wenn ich gefragt werde, warum brennt hier nicht eine Kerze, warum muss ich erst telefonieren, damit mir aufgeschlossen wird? Dann antworte ich: Der Bau soll nicht mehr als Gotteshaus genutzt werden. Die Kirchendichte ist zu hoch. Viele Junge sind weggezogen. Und die Neuen kommen aus nicht christlichen Kulturen."

Heilig Kreuz ist nicht durch Krieg zerstört. Nicht von Einsturz bedroht. Nicht von der Gemeinde verlassen. Heilig Kreuz ist aufgegeben. Licht aus, Tür zu.

 

 

 

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